Ein Cartoon-Kommissar mit überdimensionalen Kopfhörern beugt sich zu einem leuchtenden Server, während ein Ritter an einem Laptop im Hintergrund Chaos im Büro anrichtet.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 42, Kapitel 2: Restposten-Ritter legen nach

Dienstag, 13. Oktober 2026. Der Kassenbon von Aurvendalis steckte in einer Plastiktüte, und Kommissar Norbert Niesel betrachtete ihn, als hätte jemand eine tote Maus auf seinen Schreibtisch gelegt. »Küster, wenn der noch klebt, nehme ich den Fall nicht an. Das ist ein Beweisstück, kein Kaugummi-Automat.« Dr. Irmgard Küster wedelte mit einem neuen Formular. »Chef, bevor ich den Mitschnitt abspiele, brauche ich Ihre Unterschrift auf Formular 14-B. Sonst darf ich laut Richtlinie keine Überwachungsdaten vorführen.« Niesel schnappte nach Luft, unterschrieb dreimal quer über das Papier und brüllte: »Dann machen Sie endlich, sonst kriege ich hier noch einen Anfall!« Adelheid von Senff tauchte mit einem Croissant auf und sagte: »Ich dachte, du willst abnehmen. Aber bitte, ich halte dich nicht auf.«

Küster drehte den Laptop um und spielte den Mitschnitt ab. Man hörte Malte Morgenrot, den Hacker der Restposten-Ritter, der sich über ein kompromittiertes System mit Bruno Backstein unterhielt. Die IT von Aurvendalis hatte nach dem ersten Hack eine Netzwerküberwachung geschaltet, und Morgenrot war dumm genug, über denselben Server zu chatten, den er gerade kaperte. »Erst bin ich über die SonicWall SMA1000 reingekommen«, prahlte Morgenrot. »Das ist deren VPN-Gateway, so ein Ding, das Außenstehende ins interne Netz lässt. Normalerweise musst du dich anmelden, aber ich habe eine Schwachstelle gefunden, CVE-2026-102255, bei der das Gateway sich benimmt wie ein Getränkeautomat: Wenn du an der richtigen Stelle rüttelst und eine bestimmte Taste drückst, wirft er alle Flaschen auf einmal aus. Ich habe keinen Cent eingeworfen, aber ich war drin, als hätte ich den Hauptschlüssel.« Niesel notierte: »Getränkeautomat. Merken wir uns fürs Protokoll.«

Morgenrot legte nach: »Dann wollte ich mehr Rechte. Aurvendalis nutzt SmarterTools SmarterMail für den Mailverkehr. Da gibt es mehrere Schwachstellen, aber die schönste ist CVE-2026-23760. Damit konnte ich beliebigen Code mit SYSTEM-Rechten ausführen. SYSTEM-Rechte sind so ziemlich das Höchste, was du auf einem Windows-Server kriegen kannst. Ich habe mir selbst einen Admin-Account angelegt, als wäre ich ein Kellner, der in der Personalakte heimlich seinen Namen ändert, sich zum Geschäftsführer ernennt und sich dann noch eine Gehaltserhöhung unterschreibt. Und das Beste: Selbst wenn die das merken und mir die Rechte wieder wegnehmen, bleibt mein Account gültig – die Schwachstelle sorgt dafür, dass erhöhte Rechte behalten werden, auch nachdem sie entzogen wurden. Das ist, als würde der Kellner eine Kopie der Akte behalten, die der Chef nicht ändern kann.« Senff murmelte: »Der Kellner hat wohl auch noch die Kaffeekasse mitgenommen.«

»Und dann kam der letzte Streich«, fuhr Morgenrot fort, nun fast singend. »Foreman. Das ist so eine Open-Source-Verwaltungssoftware für Server. Da braucht man eigentlich einen gültigen Account, um reinzukommen – aber den hatte ich mir ja gerade über die Mail-Sache besorgt. Ich habe eine Schwachstelle ausgenutzt, CVE-2026-12544, um Dateien zu manipulieren und Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen. Ich habe in Foreman die Konfigurationsdateien so verbogen, dass mein Hintertür-Account bei jedem Update automatisch wiederhergestellt wird. Das ist wie ein Bühnenarbeiter, der das Drehbuch ändert: Er schreibt sich selbst in jede Szene, und der Regisseur sieht nur das Deckblatt, das unverändert aussieht. Jetzt habe ich eine dauerhafte Hintertür, und ich kann Daten abfließen lassen, wann immer ich will.« Bruno Backstein grunzte: »Und die Daten?« Morgenrot lachte: »Die habe ich schon in kleine Häppchen verpackt und auf einem Server geparkt. Die Erpressung läuft weiter, und diesmal drohen wir mit Veröffentlichung der internen Mails.«

Niesel hieb auf den Tisch. »Wir können nicht zugreifen, weil der Kerl über einen gehackten Server arbeitet und die IP-Adresse durch drei Länder springt! Das ist, als würde man einen Geist verhaften!« In dem Moment kam ein Anruf von der Spurensicherung: Die Fingerabdrücke auf dem Kassenbon waren identifiziert. Zwei gehörten zu Bruno Backstein, einem polizeibekannten Schläger mit Vorstrafen wegen Erpressung und Körperverletzung. Adelheid lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. »Na bitte. Jetzt haben wir einen Namen. Und einen Kellner, der Drehbücher fälscht.« Niesel starrte auf das Croissant in ihrer Hand und sagte leise: »Wenn der Backstein so dumm ist, wie sein Name klingt, dann holen wir ihn uns. Aber erst muss ich was essen. Sonst drehe ich durch.«

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